Städte anders erleben

Warum es sich lohnt, eine Städtereise auf einen hohen Feiertag zu legen? Oder sich die Laufschuhe für einen Städtetrip zu schnüren? Oder sich mit einem Obdachlosen in der Stadt zu unterhalten? Es gibt viele Möglichkeiten, um Städte auch mal anders zu erleben.

Reisen zu Ostern, Weihnachten oder landeseigenen Feiertagen: Die zwei Gegensätze

Zu speziellen Feiertagen einen Städtetrip zu unternehmen kann entweder bedeuten, dass man sich mit zig Tausend anderen Touristen eine proppevolle Stadt teilen darf, oder aber, dass man normalerweise total überrannte Touristenattraktionen fast für sich alleine hat. Eines erlebt man zu Feiertagen aber immer während eines Städtetrips: ein ganz besonderes und nicht alltägliches Flair sowie einen kleinen Einblick in die landesüblichen Feiertags-Traditionen.

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Reges nächtliches Treiben an der Klagemauer in Jerusalem (Israel) zu Pessach.

Während der jüdischen Pessach-Festwoche platzt die Stadt Jerusalem wirklich aus allen Nähten. Da in dieser Woche in Israel auch immer Schulferien sind, reist gefühlt das halbe Land nach Jerusalem – wobei die andere Hälfte des Landes die Ferienzeit am See Genezareth in Galiläa zu verbringen scheint. Während es tagsüber in der Jerusalemer Altstadt noch relativ überschaubar zugeht, steigt die Zahl der Menschen mit jeder Stunde Richtung Mitternacht immer weiter an. Spätestens ab 21 Uhr wird es innerhalb der Stadtmauern so dermaßen voll, dass die Stadtverwaltung alle Hauptwege, ausgehend von den Toren der Stadtmauer, provisorisch zu Einbahnstraßen für Fußgänger umfunktioniert. Mit einem Ziel: die Klagemauer. Dort angekommen, quillt der Platz an der Mauer vor Menschen nur so über. Und der Rückweg sind dann natürlich wieder nur ausgeschilderte Einbahnstraßen – extra eingerichtet für die Pessach-Woche. Aber auch das Geschehen an der Klagemauer selbst ist zu Pessach sehr beeindruckend.

Es gibt aber auch das Gegenteil: An nahezu 365 Tagen im Jahr völlig überlaufene Touristenmagnete, die nur an sehr wenigen Öffnungstagen regelrecht leergefegt sind. Zum Beispiel: die Alhambra in Granada (Andalusien/Spanien) – eine der meistbesuchten Touristenattraktionen in Europa, mit limitierter und in der Regel stets ausverkaufter täglicher Ticketzahl von 7.000 Eintrittskarten. Außer: Man besucht die Alhambra am 24. Dezember Nachmittags/Abends. An Heiligabend hat man das große Glück, dass man nicht nur die gesamte Burganlage sondern vor allem auch die Nasriden-Paläste – das Highlight der Alhambra – fast für sich alleine hat. Normalerweise schieben sich hier innerhalb eines stark begrenzten Zeitfensters die Besucher nur so durch, ohne überhaupt richtig was gesehen zu haben. Ich hatte am Weihnachtsabend das große Glück, dass ich nicht nur viel mehr Zeit sondern vor allem auch ausreichend viel Freiraum für eine kleine Fotosession hatte.

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Gähnende Leere in den Nasriden-Palästen am 24. Dezember.

Teilnahme an City-Läufen: Sightseeing im Laufschritt

Wem klassisches Sightseeing gefällt, der könnte sich ja mal überlegen, beim nächsten Städtebesuch statt eines Hop-on-hop-off-Bustickets vielleicht lieber eine Startnummer für den anstehenden City-Lauf zu erwerben. Die Organisatoren der meisten Städte-Läufe geben sich sehr viel Mühe dabei, die Streckenführungen so zu planen, dass alle wichtigen Highlights und Anlaufpunkte der Stadt abgedeckt werden. So “erläuft” man sich nicht nur die Hotspots der jeweiligen City, man sieht auch generell sehr viel von einer Stadt (je länger die Distanz, umso mehr 😉 ) und man ist auch mitten drin zwischen den Einheimischen.

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Auf einem 10-Kilometer-Lauf Rund um den “Rock of Gibraltar” sieht so man ziemlich alles,
was es von Gibraltar zu sehen gibt.

In Gibraltar kann man auf diese Weise zum Beispiel in der gesamten Stadt (und auch gleichzeitig im gesamten “Land”) während einer gerade mal 10 Kilometer umfassenden Lauf-Distanz sehr viel Sightseeing machen: Gestartet auf dem Hauptplatz der britischen Kolonie – dem Grand Casemates Square, geht es einmal vollständig um den berühmten Rock of Gibraltar drum herum, vorbei an der schönen Catalan Bay bis zum Europa Point mit Leuchtturm und Moschee an der Südspitze der Halbinsel, um dann zuletzt auf der Main Street zurück zum Start/Ziel-Bereich zu gelangen. Nur das Upper Rock Nature Reserve mit dem Affenfelsen und den Höhlen und Museen muss man sich nach dem Lauf noch einmal extra ansehen. Danach hat man dann allerdings innerhalb eines Tages auch so ziemlich alles von Gibraltar gesehen, was es dort zu sehen gibt.

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In den größeren Städten sind Laufevents mittlerweile nahezu immer international ausgelegt – das heißt: Alle Infos zum Event sind im Internet mindestens auf Englisch verfügbar, auch vor Ort ist alles auf Englisch ausgewiesen und die Anmeldung sowie auch die Bezahlung funktioniert problemlos Online. Bei kleineren Stadt-Läufen kann es auch durchaus mal der Fall sein, dass alle Informationen und die Anmeldung nur in der Landessprache verfügbar sind. Hier hilft dann in der Regel Google Translator ganz gut – und im Fall der Fälle auch einfach mal eine persönliche E-Mail an die Veranstalter in Englisch.

Picknicken mit Obdachlosen: Andere Menschen, andere Einblicke

Meistens kommt man während eines Städtetrips entweder mit anderen Touristen oder mit ein paar Einheimischen der Mittelschicht ins Gespräch. Wenn man aber mal eine ganz andere Sicht auf die Welt und die Umstände eines Landes oder einer Stadt bekommen möchte, so kann man sich auch mal mit Menschen außerhalb der eigenen sozialen Schicht unterhalten: mit Obdachlosen zum Beispiel. In großen Städten gehört es irgendwie zum Stadtbild dazu: Menschen, ohne festem Dach über dem Kopf. In Budapest ist mir aber eine Sache ganz besonders dabei aufgefallen. Die meisten Obdachlosen waren ältere oder sehr alte Menschen, teilweise im Rollstuhl sitzend – bei uns wären sie Rentner, Frührentner oder Pflegebedürftige. Nachts gibt es keine einzige freie Parkbank in ganz Budapest, auf der nicht einer von ihnen schläft. Oder schlafend in seinem Rollstuhl in einem nicht benutzten Hauseingang sitzt.

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Ungarns Hauptstadt Budapest an der Donau.

Zugegeben, manchmal mag ich es ja gar nicht von “Pennern” angequatscht zu werden. Manchmal habe ich aber auch einen netten Tag und höre mir erst einmal an, worum es der Person überhaupt geht. In Budapest hatte ich einen solchen netten Tag – und heute bin ich wirklich sehr froh darüber, dass ich diesen Menschen nicht sofort abgewiesen habe. Denn es entwickelte sich ein überaus schönes und auch sehr interessantes Gespräch daraus.

Was damals geschah: Zuerst wollte mir so ein Typ eine Obdachlosenzeitung verkaufen. Da der Mann wirklich sehr nett war, habe ich ihm also eine seiner Zeitungen abgekauft. Natürlich konnte und kann ich kein einziges Wort davon lesen – die ungarische Sprache wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben – aber darum ging es auch gar nicht. Der Mann war sehr nett, sehr höflich und irgendwie auch ganz witzig. Und ehe ich mich versah, war ich umringt von einer ganzen Gruppe obdachloser Alt-Herren, die von allen Seiten auf mich eingequatscht haben. Da die meisten nicht gut Englisch konnten und einer von ihnen aber Deutsch sprach, hat sich letzten Endes der deutschsprechende Herr durchgesetzt und den Rest verscheucht. Und damit begann eine tolle Unterhaltung, die irgendwann in ein kleines Picknick auf einer Steinmauer in der Budapester Fußgängerzone überging. Der ältere Mann erzählte mir von seinem Leben, warum er so gut Deutsch spricht, warum er auf der Straße lebt und kein zu Hause mehr hat, und wie es überhaupt dazu kam. Er erklärte mir die Gründe, warum so viele alte Menschen in Budapest obdachlos sind und wie er und seine Leidensgenossen diese Welt sehen und erleben.

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